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Leseprobe

Kap. 9: Belegen und Zitieren, S. 129-148, hier S. 129-133.

Ausgangspunkt dieses Kapitels sind zwei wissenschaftliche Grundprinzipien, die immer und überall gelten: Erstens müssen präsentierte Ergebnisse nachvollziehbar und überprüfbar sein; und zweitens darf sich niemand mit fremden Federn schmücken, also Leistungen anderer als die seinen ausgeben. Beide Regeln bilden ein sehr wichtiges Fundament des gesamten Wissenschaftsbetriebs, und sie werden deswegen schon in den ersten Studiensemestern streng angewandt. Leider ist seit einigen Jahren zu beobachten, dass eine wachsende Zahl von Studierenden diesen Grundsätzen nicht mehr folgen will oder sie überhaupt nie richtig zur Kenntnis genommen hat. Das betrübliche Ergebnis ist eine stetig steigende Zahl von Plagiatsfällen und von schriftlichen Arbeiten mit falschen oder unpräzisen Belegen.

Man hat sich mittlerweile angewöhnt, zwischen zwei unterschiedlichen Arten von Plagiaten zu unterscheiden: Zum einen gibt es das echte Plagiat, bei dem der Betreffende bewusst und absichtlich eine ganze Arbeit oder Passagen von anderer Stelle übernimmt, ohne dies zu kennzeichnen. Früher waren Bücher und Aufsätze die Hauptquellen solcher Fälschungen, mittlerweile basieren viele Plagiate auf Internetrecherchen und einschlägigen Datenbanken - vermutlich knüpft sich daran die Hoffnung, dass die Weite und Flüchtigkeit des Mediums den Betrug besser kaschieren hilft.

Echte Plagiatsfälle lassen sich einfach und klar beurteilen: Wer das Risiko bewusst eingeht und ertappt wird, ist selber schuld und muss die Konsequenzen tragen. Und dabei ist deutlich zu sagen: Die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, ist ziemlich hoch, und der dann fällige Preis ist es auch. Jeder Dozent wird stutzig, wenn die Qualität der schriftlichen Arbeit in auffälliger Diskrepanz zur übrigen Leistung des Betreffenden steht, oder wenn auf zwei stilistisch holprige und inhaltlich dürftige Kapitel plötzlich meisterhafte Prosa folgt. Es ist dann nur eine Frage der Zeit, bis das Original entdeckt ist. Und die angeblichen Geheimtipps im Internet, auf die sich manch einer stützt, sind natürlich unter Dozenten auch bekannt. Die Folgen eines aufgedeckten Plagiats sind einschneidend: Sie reichen vom ruinierten Ruf über den verlorenen Seminarschein oder die abgelehnte Examensarbeit bis hin zu möglichen rechtlichen Konsequenzen.

Vom echten Plagiat zu unterscheiden ist das so genannte graue Plagiat. Hier handelt es sich um eine unabsichtliche, manchmal auch


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unbewusste Übernahme fremden Gedankenguts, ohne dass dieses Abschreiben gekennzeichnet worden wäre. Oft fehlt den Betreffenden einfach das Bewusstsein für das Problem oder die notwendige Kenntnis der Technik wissenschaftlichen Arbeitens. Insofern haftet den grauen Plagiatsfällen meist eine gewisse Tragik an, das Resultat ist indes gleich bitter.

Ganz ähnlich lassen sich unpräzise Belege differenzieren: Es gibt Zeitgenossen, die Fußnoten für einzelne Aussagen schlichtweg erfinden, in der Hoffnung, der korrigierende Leser würde die Angabe schon nicht prüfen. War diese Erwartung vergeblich - was oft der Fall ist -, bleibt bei der Bewertung der Arbeit naturgemäß wenig Spielraum nach unten. Tragischer sind wieder jene Fälle, in denen die Betreffenden aus purer Unwissenheit falsch belegen.

Mit diesem gesamten Komplex verbunden, aber dennoch getrennt zu sehen, ist die Frage nach dem angemessenen Einsatz von Zitaten und Belegen in einer schriftlichen Arbeit. Wann sollte man zitieren? Wann besser paraphrasieren, also einen Sachverhalt in eigenen Worten umschreiben? Wie lang sollen Zitate sein, und wie sollen sie in den Text integriert werden? Was soll und muss man überhaupt belegen? Hier geht es also weniger um ,richtig' oder ,falsch', sondern um qualitative Standards wissenschaftlichen Arbeitens.

Die gesamte Problematik lässt sich in fünf Schritten abhandeln, wobei auf den drei letzten Stationen überwiegend technisch-formale Gesichtspunkte zu klären sind.

1. Zunächst einige Hinweise zum Einsatz von Zitaten und überhaupt zur Frage, wie intensiv die Anlehnung an die Forschungsliteratur ausfallen soll. Zitate sind wörtliche Übernahmen aus Quellen oder Literatur, also die Äußerungen anderer. Wenn Sie ein Referat halten oder eine Arbeit schreiben, ist aber in erster Linie wichtig zu wissen, wie Sie einen bestimmten Vorgang beschreiben, analysieren oder bewerten. Deswegen müssen Sie sehr sparsam mit Zitaten umgehen. Sie sollten nur dann zitieren, wenn die wörtliche Übernahme einen Informationswert hat, den Sie in eigenen Worten nicht liefern können. Um Missverständnissen vorzubeugen: Das heißt nicht, dass Sie besonders elegant formulierte Passagen abschreiben sollen, die Sie selber (noch) nicht zustande bringen würden, oder Texte kopieren, die Sie selbst nicht zusammenfassen können oder möchten - dann wäre das Zitat nichts anderes als ein deutliches Zeichen von Faulheit, und Sie würden eher eine Textcollage liefern als eine wissenschaftliche Arbeit.


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Informationswert meint vielmehr: Die zitierte Stelle enthält eine ganz charakteristische Wendung oder eine spezifische Wertung, und - das ist wichtig - Sie integrieren eben diese Aussage in Ihre Analyse oder Argumentation. Sie dürfen also nur dann zitieren, wenn Sie zu der entsprechenden Passage auch qualifiziert Stellung nehmen. Beim zitieren von Quellentexten müssen Sie diese interpretieren; aus der Literatur zitieren Sie, um bestimmte Forschungspositionen zu markieren. Das Zitat soll immer nur so lang sein, dass es den angestrebten Informationswert liefert, und es muss in einem angemessenen Verhältnis zur begleitenden Interpretation oder Analyse stehen. Je umfangreicher eine zitierte Passage ausfällt, desto eingehender müssen Sie sich im Anschluss oder im Vorfeld mit ihr befassen. Wenn Sie bestimmte Vorgänge lediglich illustrieren wollen und dafür besonders treffende Zitate gefunden haben, setzen Sie diese besser in die Fußnoten.

Die folgenden Beispiele sollen Ihnen die Problematik veranschaulichen; auf die belegenden Fußnoten gehen wir hier nur ein, wenn es zum Verständnis nötig ist.

In einer Arbeit zur Wirtschaftsentwicklung der frühen 1840er Jahre heißt es:

Während Müller ein "allgemein wuchtiges Wachstum" identifiziert, spricht Meier von einem "Strohfeuer".1 In der von mir untersuchten Region ist Meiers Position klar wieder zu erkennen: Usw. usw.

Die beiden Zitate kennzeichnen markante Forschungspositionen, der Verfasser bezieht sie in seine Argumentation ein. Der Einsatz der Zitate ist sinnvoll und gelungen.

Eine Untersuchung beschäftigt sich mit Bismarcks Rolle in der Revolution von 1848/49. Der Verfasser schreibt im Text:

Für Bismarck begann die revolutionäre Welle über Europa sehr unerwartet.1

In der beigefügten Fußnote 1 zitiert der Verfasser aus einem Brief Bismarcks an seinen Bruder vom 1.3.1848:

"Meine Damen sind in händeringender Aufregung über die allerdings sehr unerwarteten Nachrichte aus Frankreich." Usw. usw.

Das Zitat belegt Bismarcks Überraschung über den Revolutionsausbruch. Es ist gewiss nicht bedeutsam genug, um in den Text aufge-


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nommen zu werden, als Beleg und zur Illustration aber geeignet und daher in einer Fußnote gut aufgehoben.

In einer Analyse der deutschen Verfassungsentwicklung um 1815 schreibt der Autor:

Ausgangspunkt aller Überlegungen und Kontroversen war Artikel 13 der Deutschen Bundesakte: "In allen Bundesstaaten wird eine Landständische Verfassung stattfinden."1 Diese Formulierung war vage und führte zu einer ganzen Reihe unterschiedlicher Interpretationen. Dazu gehörten insbesondere die folgenden drei: Usw. usw.

Es ist sinnvoll, den Artikel 13 im Wortlaut zu zitieren, denn nur so wird seine Unbestimmtheit deutlich, die der Verfasser zudem im weiteren Verlauf noch behandelt.

In einer Arbeit zum Paulskirchenparlament von 1848/49 ist formuliert:

Die Kehrseite der intensiven Lobbyarbeit war die mühevolle Aufgabe der Abgeordneten, die unterschiedlichsten Wünsche abzuklären. "Die Abgeordneten und ihre Fraktionen gingen selbst in zunehmend stärkerem Maße dazu über, die Öffentlichkeit gezielt zu beeinflussen. Ein Teil der Fraktionen gab Parlamentskorrespondenzen heraus, alle konnten in politisch nahestehenden Zeitungen veröffentlichen oder verfügten über eigene Organe."1 Somit waren die ersten Voraussetzungen für ein politisches System mit Wechselwirkung in Form von input und output gegeben.

Dieses Zitat ist herzlich überflüssig, denn der Sachverhalt lässt sich ohne weiteres in eigene Worte fassen. Das Zitat ist eher aus Bequemlichkeit denn aus Notwendigkeit eingefügt worden.

In einer Untersuchung zur Stellung der Frau im Deutschen Kaiserreich um 1900 konstatiert der Verfasser:

Der Mensch wurde im Kaiserreich nicht als Produkt seiner Umwelt, sondern als von der Natur programmiertes Wesen mit einem angeborenen Geschlechtscharakter betrachtet. "Die Frauen sind nicht oberflächlich und trivial von Natur, sondern die Erziehung behaftet sie mit diesem Makel, indem sie ihnen diejenigen Beschäftigungen, diejenigen Studien und Gebiete der Thätigkeit vorenthält, an denen selbständiges Denken sich entwickelt."1 Großen Einfluss auf alle späteren Erziehungsmethoden hatte Jean-Jacques Rousseaus Schrift Emile.

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Das eingefügte Zitat stammt von der Frauenrechtlerin Hedwig Dohm. Es fällt in dieser Arbeit regelrecht vom Himmel und steht völlig isoliert da. Der Verfasser geht mit keinem Wort darauf ein - ja er scheint nicht einmal realisiert zu haben, dass sich seine eingangs formulierte Feststellung und Dohms Meinung geradezu unvereinbar gegenüberstehen.

2. Nicht nur Zitate müssen Sie belegen, sondern auch referierende Zusammenfassungen ohne wörtliche Übernahmen, weiterführende Hinweise, zustimmende oder ablehnende Bewertungen anderer Werke; hier lauert ansonsten die Gefahr des bereits beschriebenen grauen Plagiats. In diesen Kontext gehört aber auch die Frage, wie eng Sie sich eigentlich an die bereits existierende Forschung anlehnen können und sollen.

Viele Schwierigkeiten lassen sich vermeiden, wenn Sie schon bei Beginn Ihrer Arbeit einige Gesichtspunkte beachten. Dazu gehört zunächst einmal eine realistische Einschätzung dessen, was Sie leisten können und sollen: Es ist natürlich völlig klar, dass Sie in Ihrem Studium nicht Amerika neu entdecken können. Wenn Sie wissenschaftlich arbeiten, orientieren Sie sich an den Forschungsergebnissen professioneller Historiker und an Quellen, die bereits gedruckt vorliegen; ungedruckte, archivalische Quellen werden Sie in aller Regel frühestens in Ihrer Examensarbeit verwenden. Das Verhältnis zwischen Forschungsliteratur und auszuwertenden Quellen wird sich im Laufe Ihres Studiums meist in Richtung der Quellen verschieben, aber gerade in den ersten Semestern wird die Quelleninterpretation eng begrenzt bleiben und immer an bestehende Forschung angebunden sein. Niemand wird Ihnen also einen Vorwurf machen, wenn Sie sich in diesem Rahmen bewegen.

Gleichwohl sollten Sie schon bei der Wahl Ihres Themas darauf achten, dass es zu diesem Aspekt hinreichend Quellen und Literatur gibt. Außerdem müssen Sie schon in den ersten Semestern versuchen, eine eigene Fragestellung zu entwickeln, die Sie von der verfügbaren Forschungsliteratur zumindest minimal emanzipiert. Wer ein Thema bearbeitet, zu dem nur ein einziger, 20 Seiten langer Aufsatz vorliegt, wird fast schon zwangsläufig dem Argumentationsgang, den Thesen und Ergebnissen dieses einen Autors hinterhertraben, was die Gefahr eines grauen Plagiats naturgemäß erhöht.

Ein weiterer, sehr wichtiger Punkt ist das richtige Lesen und Exzerpieren, das wir bereits in Kapitel 3 behandelt haben. Sie vermeiden das Risiko, ein graues Plagiat oder ungenaue Belege zu erzeugen, wenn


[Ende S. 133]


Letzte Änderung am:10.06.2008, 08:56